Ich liebe dich

Über die Schwierigkeiten im Umgang mit drei kleinen Worten

„Liebe ist nur ein Wort“ – „Ich liebe dich“ sind dagegen drei. Natürlich – das weiß jeder – ist die Liebe mehr als ein Wort. Sie ist Gefühl, Emotion, Anziehungskraft, Leidenschaft, Vertrautheit, Geheimnis. Und weil der Mensch ein mit Vernunft ausgestattetes Wesen ist (oder sein soll) und ihm sowohl die Möglichkeit zu lieben als auch die des verbalen Ausdrucks dazu gegeben ist, sagt er eben „Ich liebe dich“. Damit wäre alles klar. Doch so einfach ist die Sache mit dem „Ich liebe dich“ nicht. Denn diese drei eigentlich so kostbaren Worte werden auch dann gebraucht, wenn gar nicht wirklich geliebt wird, wenn es sich nur um eine „Als-ob-Liebe“ handelt. Sie werden missbraucht. Goethes „Erlkönig“ geht da mit gutem (schlechten) Beispiel voran. „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt. Und bist du nicht willig, so brauch´ ich Gewalt!“ Die schaurige Gestalt vertauscht also absichtlich Liebe und Verlangen nach Sexualität, will Liebe erzwingen, wenn nötig auf brutale Art und Weise. Das Ende der Tragödie ist bekannt.

Nun lässt sich wirkliche Liebe weder erzwingen noch erkaufen oder erhoffen („Eines Tages wirst du mich doch lieben“). Sie ist entweder zwischen zwei Personen vorhanden oder nicht vorhanden. Und genau hier liegt das Problem: wenn nämlich nur einer liebt, der andere aber nicht oder sich seines Gefühls nicht sicher ist und „Ich liebe dich“ nur sagt, um einen Gefallen zu erweisen oder keine Spannung aufkommen zu lassen. Die Schwierigkeit im Umgang mit diesem Satz liegt einmal darin, dass niemand eigentlich genau definieren kann, was „Liebe“ ist. Sicher hat sich in unserer (pseudo)aufgeklärten Zeit der Liebesbegriff gewaltig gewandelt. „Ich liebe dich“ bedeutet zwar immer noch dasselbe wie früher, die Liebe selbst aber wurde weitgehend ihres Mythos´, ihres Geheimnisses beraubt. Sie wurde mit Sex identifiziert, bzw. verwechselt („Let´s make love“, sagt man in Amerika, und damit ist nur Sex gemeint). Unter der Oberfläche scheinbaren Fortschritts fand eine weitgehende Veruntreuung des Eros an den Sexus statt. Wurde im Zeitalter der aufkommenden Prüderie (Biedermeier) die Sexualität vom treuherzigen Spießbürger im Namen der Liebe verraten, so verrät man heute die Liebe im Namen der Sexualität.

Tatsächlich ist es schwierig, ernsthaft „Ich liebe dich“ zu sagen, vor allem deshalb, weil diese eigentlich äußerst menschliche Formulierung negativ vorbelastet ist. Daran ist die Schlagerindustrie und Filmbranche nicht unschuldig. Ein schmalzig hingehauchtes „Ich liebe dich“ von Schallplatte, Leinwand oder Bildschirm klingt zwar für unsere Ohren – oberflächlich betrachtet – mittlerweile geradezu abgeschmackt und entlockt uns höchstens ein mitleidiges Lächeln. „Kitsch“, sagen wir dann. Dennoch warten wir darauf, dass der Satz endlich fällt und sind erleichtert, wenn der Held des Stückes seine Prinzessin, allen Unbilden des bösen Lebens trotzend, am Ende doch noch „kriegt“. Am Beispiel der Berieselung des Kaufhauskunden mit Musik lässt es sich ebenfalls verdeutlichen: Längst haben Werbepsychologen herausgefunden, dass romantische, einlullende Liebesmusik, die man sonst eigentlich gar nicht ertragen kann, zur Umsatzsteigerung führt. Wir kaufen das Produkt – verpackt in imaginäre Liebe – aus dem Laufsprecher. Weil wir uns – trotz unseres modernen „coolen“ Gehabes – nach nichts mehr sehnen als nach Zärtlichkeit, Wärme, Liebe. Unsere Frustrationen steigern den Konsum.

Eigentlich ist „Ich liebe dich“ ein Phänomen, wenn auch ein gespaltenes. Können wir denn je sicher sein, dass derjenige, der diese Worte ausspricht, sie auch wirklich so meint? In Amerika z. B. bedeutet „I love you“ in den meisten Fällen absolut gar nichts. Es wird auf jeder Party (verstärkt zu „O, I love you“), in der Subway oder im Hamburger Stop-in („I love them!“)gebraucht. Die amerikanische Formulierung der Liebe, dieser moderne „way of love“, wird für alles und jeden verwendet: für New York genauso wie für andere. Trotzdem lieben die Amerikaner nicht viel anders als andere Völker.

Allerdings gibt es in den verschiedenen Sprachen einen linguistischen Unterschied, der zu denken gibt: Während die nordwestlichen Länder ihre Liebesbeteuerung stets mit „Ich“ beginnen, und das „Du“ erst an zweiter Stelle auftaucht, scheinen die südöstlichen Staaten dem Du eine weitaus größere Bedeutung beizumessen. „Dich liebe ich“ (z.B. ital. „ti amo“ oder griech. „ságape“) heißt es dort. Das kleine Ich verschwindet hinter dem großen, angebeteten Du.

Bedenkt man einmal auch, was aus Begegnungen, die in „Ich liebe dich“ gipfelten, geworden ist, könnte man fast an der Liebe verzweifeln. Wie viele Menschen sind nach zwanzigjährigem Ehekompromißlieben und Zwangsanpassung noch in der Lage, diesen Satz mit der gleichen Intension wie damals zu sagen? Die Liebe – ein schöner Schein? Nein. Die Ehe als Feind der Liebe? Möglicherweise. Besonders problematisch wird es freilich, wenn jemand fragt: „Warum liebst du mich?“ In den meisten Fällen hört man dann nach Aufzählung der diversen Eigenschaften des geliebten Menschen die Quintessenz: „Weil ich dich brauche.“ Hier entlarvt sich das, was sich „Liebe“ nennt, als purer Egoismus. Der „geliebte“ Mensch wird gebraucht, verzweckt, zu einem Bedürfnis, einem Objekt degradiert. „Ich brauche dich, weil ich dich liebe“, hört sich schon anders an. „Ich liebe dich“ ist ein Bekenntnis. Man entblößt sich freiwillig, bejaht sein Gefühl, steht dazu. Diese drei kleinen Worte heben den so Angesprochenen aus seiner Anonymität, weil er allein es ist, der aus Millionen anderer auserwählt wurde.

Die Angst, „Ich liebe dich“ zu sagen, aber rührt einmal daher, dass man den Partner nicht mit seinen Gefühlen allzu sehr bescheren bzw. selbst nicht belastet werden will. Aus Unsicherheit also. Man sagt lieber nichts, verzichtet auf ein Bekenntnis und versucht, sich in dieser Hinsicht ohne Worte zu verstehen. Zum anderen stammt diese Angst aus dem weitverbreiteteren Trugschluss, dass ein einmal ausgesprochenes „Ich liebe dich“ sofort zur Verpflichtung wird und geradewegs in den sicheren Hafen der Ehe führt. Natürlich wird zu viel Liebe und Liebeslobelei in den allermeisten Fällen dem Partner und der Liebe zuviel. Was tun? Wohlüberlegt kalkulieren und dosieren? Jeden Tag ein paar Milligramm Liebe mehr oder weniger? Keineswegs. Nur: Ein zu oft ausgesprochener Satz verliert sine Glaubwürdigkeit. Sagen Sie diesen Satz also nur, wenn Sie es ehrlich meinen. So wie Stevie Wonder in seinem Ohrwurm: „I just called“, singt er, „to say I love you. And I mean it from the bottom of ma heart.“

Hans Christian Meiser

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